top of page

Als Tee viele Namen hatte: Wie die Alten mit einem Blatt sprachen

  • Autorenbild: Ilja Aviarjanau
    Ilja Aviarjanau
  • 22. Dez. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Wenn man genügend alte chinesische Texte über Tee liest, wird eines sehr schnell klar: Die Alten nannten Tee nur selten einfach Tee.

Sie gaben ihm Spitznamen.Sie gaben ihm Persönlichkeiten.Manchmal gaben sie ihm sogar einen Sinn für Humor.

Lange bevor Tee zu einer Ware mit Qualitätsstufen, SKUs und Aromarädern wurde, lebte er in der Sprache als etwas, das eher einem Gefährten glich. Einem Helfer. Einem stillen Freund, der auftauchte, wenn der Geist müde war oder die Nacht lang wurde. Im Laufe der Jahre gaben die Menschen dem Tee viele Namen.

Und Benennen ist, wie wir wissen, niemals zufällig.


In diesem Text wollen wir langsam durch diese alten Spitznamen gehen – nicht als Liste zum Auswendiglernen, sondern als Möglichkeit zu verstehen, wie Menschen früher eine Beziehung zu Tee hatten– und vielleicht, wie wir sie wiederfinden könnten.


Tee vor „Tee“: Als ein Blatt noch erklärt werden musste

In der frühen chinesischen Geschichte hatte Tee noch nicht die einheitliche, universelle Identität, die er heute besitzt. Er war noch nicht das globale Wort cha oder tea. Er existierte in Fragmenten – regional, saisonal, erfahrungsbasiert.


Deshalb wird Tee in früher Literatur als 荼 , 茗 míng, 荈 chuǎn, 蔎 shè und 檟 jiǎ bezeichnet. All diese Begriffe beschrieben dieselbe Pflanze, waren jedoch von unterschiedlichen Regionen oder Schwerpunkten geprägt.


Doch als sich das Teetrinken unter Gelehrten, Mönchen und Literaten verbreitete, geschah etwas Interessantes. Die Namen wurden weniger technisch und dafür ausdrucksstärker. Tee hörte auf, nur eine Pflanze zu sein, und wurde zu einer Erfahrung, die es wert war, personifiziert zu werden.

Hier beginnen die Spitznamen.


„Der Herr, der niemals schläft“: Tee als nächtlicher Gefährte

Einer der bekanntesten überlieferten Spitznamen ist 不夜侯 (Bú yè hóu) — Der Herr, der niemals schläft.

Es ist schwer, dabei nicht zu lächeln.

Jeder, der schon einmal spät nachts eine Kanne Tee aufgebrüht hat, versteht ihn sofort. Tee wiegt einen – anders als Wein – nicht in Vergessenheit. Er hält den Geist wach, klar und manchmal hartnäckig aufmerksam.


Doch Tee einen Herrn zu nennen, ist aufschluss avoids. Das ist kein beiläufiges Getränk. Es ist etwas mit Autorität. Etwas, das Körper und Geist befehlen kann, präsent zu bleiben, wenn die Welt lieber in den Schlaf gleiten würde.

Im Kontext des alten China ergibt dieser Name vollkommen Sinn. Tee war eng verbunden mit:

  • nächtlicher Lektüre

  • Kalligraphieübungen

  • dem Schreiben von Essays bei Öllampenlicht

  • klösterlicher Meditation


Tee war keine Unterhaltung. Er war ein Werkzeug der Disziplin.

Ihn Bu Ye Hou zu nennen, erkennt diese Beziehung an — respektvoll, leicht vorsichtig, aber dankbar.


„Der Wegspüler der Sorgen“: Tee als innere Pflege

Ein weiterer zutiefst menschlicher Spitzname ist 滌煩子 (Dí fán zǐ) — Der, der Sorgen wegwäscht.

Dabei geht es nicht um Koffein. Es geht um Psychologie.

Alte Schriftsteller bemerkten etwas, das moderne Teetrinker oft neu entdecken: Tee stimuliert nicht nur; er beruhigt. Er klärt geistiges Durcheinander. Er glättet scharfe emotionale Kanten.


Das Zeichen 滌 (di) bedeutet reinigen oder ausspülen. 煩 (fan) verweist auf Unruhe, 烦恼 — das summende, nagende Gedränge des Geistes.

In diesem Bild wird Tee zu einem stillen Pfleger. Nicht dramatisch. Nicht grob medizinisch. Einfach beständig hilfreich.


Dieser Spitzname fühlt sich der modernen Teekultur besonders nah an. Viele Menschen greifen heute nicht aus Reizsuche zum Tee, sondern aus dem Wunsch nach Balance: um nach der Arbeit zurückzusetzen. Um eine Pause zwischen Aufgaben zu schaffen.

In diesem Sinne ist Di Fan Zi vielleicht einer der zeitlosesten Namen, die Tee je erhalten hat.


Glückwunsch, du bist bis hierher gekommen. Jetzt weißt du, dass der Code zum Freischalten dieses Tees „DIFANZI“ ist. Nutze ihn an der Kasse, um den echten Preis zu sehen. Beeil dich, bevor andere dir den Tee wegschnappen ;)


„Die Süße, die bleibt“: Wenn Tee sich weigert zu gehen

Wenn du schon einmal bemerkt hast, wie Minuten nach dem Schlucken eines Tees erneut Süße im Mund auftaucht, dann verstehst du 餘甘氏 (Yú gān shì) — Der Clan der nachklingenden Süße.

Dieser Spitzname ist subtil und fein — genau wie das beschriebene Empfinden. Er lobt weder Aroma noch Stärke. Er lobt den Nachhall — etwas, das man nicht beschleunigen und nicht erzwingen kann.


Alte Teetrinker schenkten dieser Eigenschaft große Aufmerksamkeit. Sie wussten, dass wahre Tiefe sich langsam zeigt, nicht im ersten Schluck, sondern in dem, was danach bleibt.

Indem sie dieser Empfindung einen Familiennamen (氏) gaben, erhoben die Alten sie zu einer prägenden Abstammungslinie. Tee, der Süße hinterlässt, gehört zu einem edlen Haus.

Auch heute noch, wenn Teekenner von hui gan (回甘) sprechen, greifen sie — ob bewusst oder nicht — auf diese alte Wertschätzung zurück.


Tee und die Formen der Natur: Knospen, Vögel und Zungen

Manche Spitznamen entstanden nicht aus Gefühlen, sondern aus Beobachtung.

Teeknospen wurden mit Vögeln, Zungen, Fahnen und Trieben verglichen — vertrauten, lebendigen Dingen.


„Spatzenzunge“ — 雀舌 (Què shé)

Dieser Name bezieht sich auf schlanke, spitze Teeknospen. Er ist liebevoll, fast verspielt. Man kann sich gut vorstellen, wie ein Teebauer eine frische Knospe zwischen den Fingern hält und über die Ähnlichkeit lächelt.


„Vogelschnabel“ — 鳥嘴 (Niǎo zuǐ)

Auch hier handelt es sich nicht um poetische Abstraktion. Es ist der Blick eines Bauern, der Blick eines Trinkers — ein Auge für Form, Proportion und Leben.


„Unsterblicher Trieb“ — 仙芽 (Xiān yá)

Hier verschiebt sich die Bildsprache nach oben. Die Knospe ist nicht mehr nur Pflanze; sie wird von Transzendenz berührt. Besonders Frühlingstee trug diese Aura von Erneuerung und Reinheit.


Diese Namen erinnern uns daran, dass die alte Teekultur zutiefst visuell war. Man trank Tee nicht nur. Man sah ihm beim Wachsen zu. Man hielt ihn in der Hand. Man kannte seine Formen intim.


Tee und Wolken: Hohe Berge, hohe Sprache

Mehrere Spitznamen kreisen um Wolken — ein wiederkehrendes Symbol in der chinesischen Ästhetik.


雲華 (Yún huá) — Wolkenpracht雲腴 (Yún yú) — Von Wolken genährt

Diese Namen verweisen auf Hochgebirgstee, der in nebligen Regionen wächst, in denen Wolken wie langsame Gezeiten durch die Felder ziehen.

Doch Wolken sind hier nicht nur meteorologisch. Sie stehen für Distanz zur profanen Welt. Für Erhebung. Für Stille.


Man glaubte, dass Tee, der unter Wolken wächst, Klarheit in sich trägt — nicht nur im Geschmack, sondern auch in seiner Wirkung auf den Geist.


Auch heute stammen viele der begehrtesten Tees aus großen Höhen. Die alte Intuition lag nicht falsch.


„Teefahnen“: Wenn Blätter zu tanzen beginnen

Einer der visuell charmantesten Spitznamen ist 茶旗 (Chá qí) — Teefahnen.

Er beschreibt die Art und Weise, wie sich Teeblätter im heißen Wasser entfalten und aufrecht treiben, wie kleine Banner, die in der Strömung wehen.


Jeder, der losen Tee aufgießt, hat dieses Bild schon gesehen. Aber es zu benennen — das erfordert Aufmerksamkeit.

Dieser Spitzname deutet darauf hin, dass Teetrinken einst eine langsame Tätigkeit war. Man hatte Zeit, den Blättern beim Öffnen zuzusehen. Bewegung wahrzunehmen. Das kleine Ritual in der Tasse zu genießen.


In einer modernen Welt voller Teebeutel und Thermosbecher wirkt Teefahnen fast nostalgisch — eine Erinnerung daran, dass Tee Geduld belohnt.


Warum diese Namen heute noch wichtig sind

Man könnte sich fragen: Wozu alte Spitznamen in einer modernen Teewelt behalten?

Die Antwort ist einfach — Sprache lenkt Aufmerksamkeit.


Wenn du Tee Bu Ye Hou nennst, achtest du darauf, wie er deinen Schlaf beeinflusst.Wenn du ihn Di Fan Zi nennst, beobachtest du deine Gedanken.Wenn du ihn Yu Gan Shi nennst, wartest du auf den Nachklang, statt hastig zum nächsten Schluck zu greifen.

Alte Namen schulen Wahrnehmung.

Und vielleicht ist genau das ihr größter Wert für uns heute.


Oriental Beauty — Ein moderner Tee mit vielen Namen

So wie die alten Spitznamen für Tee Sinneseindrücke mit poetischer Bildsprache verbanden, trägt auch Oriental Beauty Oolong eine Vielzahl von Namen — jeder spiegelt einen anderen Aspekt seiner Identität wider:

  • 東方美人 (Dongfang Meiren) — wörtlich „Östliche“ oder „Orientalische Schönheit“, der elegante Name, unter dem der Tee international am bekanntesten ist.

  • 白毫烏龍 (Bai Hao Oolong) — „Weißhaar-Oolong“, ein Hinweis auf die auffälligen silbrigen Knospen, die wie feine Härchen aus den getrockneten Blättern herausragen.

  • 膨風茶 / 椪風茶 (Pengfeng Cha / Pong Fong Tee) — etwa „Angeber-Tee“, ein lokaler Spitzname, der auf eine Geschichte über einen Teebauern zurückgeht, dessen von Insekten gebissener Tee unerwartet hohe Preise erzielte; die Dorfbewohner machten sich scherzhaft über ihn lustig.

  • 蜒仔茶 / 煙風茶 (Yan-zai Cha / Yan Feng Cha) — Bezeichnungen aus lokalen Dialekten, die auf die Blattzikaden und die windigen Hügel verweisen, auf denen dieser Tee wächst.

  • 香檳烏龍 (Champagne Oolong) — ein im Westen gebräuchlicher beschreibender Begriff, der das perlende, honig-fruchtige Wesen des Tees mit edlem Schaumwein vergleicht.

  • 五色茶 (Wuse Cha) — Fünf-Farben-Tee - verweist auf die Farben des fertigen Tee, wie ein Blumenstrauß (Weiß, Grün, Gelb, Rot und Braun).


  • 胡峤《飞龙涧饮茶》Zitiert nach: 识典古籍 (Shidian Guji).Originalvers:„沾牙旧姓余甘氏,破睡当封不夜侯“Online verfügbar unter:https://www.shidianguji.com/mid-page/7352264540471738394(Zugriff am 15.12.2025)

  • 施肩吾(Tang-Dynastie):〈句〉In: 全唐詩 (Gesamtausgabe der Tang-Dichtung), Band 494.Enthält die bekannte Zeile:„茶為滌煩子,酒為忘憂君“Digitale Edition bei Wikisource:https://zh.wikisource.org/wiki/句_(施肩吾)(Zugriff am 15.12.2025)

  • 胡峤(Tang / Fünf Dynastien):《飞龙涧饮茶》Enthält die poetische Bezeichnung des Tees als„餘甘氏“ (der „Clan der nachklingenden Süße“) und„不夜侯“ (der „Marquis ohne Schlaf“).Zitiert in modernen Teekultur-Diskussionen, u. a. nach:https://big5.zhengjian.org/node/293996(Zugriff am 15.12.2025)

  • Tea Research and Extension Station, Ministry of Agriculture (Taiwan)„Oriental Beauty Tea“ – Hintergrundinformationen zu Geschichte, Verarbeitung und Charakter des Tees.Offizielle englischsprachige Seite:https://www.tbrs.gov.tw/en/ws.php?id=4161(Zugriff am 15.12.2025)


 
 
bottom of page